Aus aktuellem Anlass (ich habe mir den Film in der Pressevorführung angesehen) meine Rezension des Films „More Than Honey“ von Dokumentarfilmer Markus Imhoof:

Fred Jaggi ist sauer auf seine Königin. Der Schweizer Bergimker hat sie beim Fremdgehen erwischt, die helleren Ringe ihrer Nachzucht beweisen es. Was folgt, ist die kühle Rache eines Traditionsimkers, der sein Heil im reinrassigen Erhalt der dunklen Biene sucht. Wenn Jaggi den Daumen hebt, heißt das für die Königin nichts Gutes…

Die Bienen sterben. Die einen durch den beherzten Daumen des Imkers, die anderen durch einen Mix aus Ursachen, der noch immer nicht ausreichend erforscht ist. Leben und Sterben der Bienen ist das Thema auch dieses Dokumentarfilms des Schweizers Markus Imhoof. Er hat Imker und Forscher in verschiedenen Teilen der Welt besucht und so ein eindrucksvolles Gesamtbild geschaffen:

Der Mega-Imker John Miller in den USA z.B. bearbeitet seine 15.000 Völker so automatisiert und effizient, dass einem mitteleuropäischen Hobby-Imker Hören und Sehen vergeht. Miller findet es zwar „tragisch“, dass die Pestizid-Duschen in den Mandelfeldern, die tausenden Meilen Transport, die Varroa und die Nosema seine Völker zu 30 % dezimieren. Aber er bleibt dabei fröhlich: „Na ja, wir müssen weiter machen, wir sind Kapitalisten. Wir wollen doch Wachstum!“ Dann sind da die in Imkerkreisen sattsam bekannten Wanderarbeiter in China, die Pollen mit der Hand, Blüte für Blüte, auf die Obstbäume tupfen, weil in ganzen Landstrichen durch den Pestizid-Einsatz die Bienen verschwunden sind.

Wieder in den USA beschäftigt sich „Killerbienen-Imker“ Fred Terry mit den aus Brasilien ausgebüxten afrikanisierten Bienen. Er glaubt, dass ihre Widerstandsfähigkeit noch überlebenswichtig sein könnte, für die Bienen auf der Welt. Und wir lernen die Tochter und den Schwiegersohn von Regisseur Markus Imhoof kennen. Sie entwickeln auf einer Insel vor der australischen Küste eine Art Api – Arche Noah. Sie kreuzen Wildbienen- und „Haustier“-Königinnen, um vielleicht die überlebensfähige Bienenrasse der Zukunft zu finden.

Atemberaubend in „More than Honey“ – selbst für die, die schon jede Bienen-Doku gesehen haben, sind die Szenen aus dem Bienen-Leben. Die Filmemacher haben dafür eigens ein „Bienenstudio“ eingerichtet. 15 Völker wurden umgesiedelt in die Nähe eines Filmstudios. Mit endoskopischen Kameras, mit Mini-Helikoptern und viel Geduld entstanden zauberhafte Bilder in höchster Auflösung: die Geburt einer Königin, der verzweifelte Versuch einer Biene, eine Varroa-Milbe abzustreifen oder: die Begattung einer Königin im Flug! Allein diese Szenen sind den Kinobesuch wert. Dazu natürlich die verschiedenen Herangehensweisen und Überlegungen der Hauptpersonen, wie sie jeweils dem „mysteriösen Bienensterben“ gegenüber treten. Genug Diskussionsstoff – immer wieder – für jeden Immenfreund.

Fred Jaggis Bienen übrigen scheinen nicht der Weg in die Zukunft zu sein: sie sind wegen der zu starken Inzucht anfällig für Krankheiten, die „Sauerbrut“ z.B. (europäische Faulbrut). Es ist eine der traurigsten und stärksten Szenen, als der knorrige Mann eine Grube aushebt, um ein ganzes Volk inklusive Zargen und Rähmchen zu verbrennen – vor der idyllischsten Bergkulisse, die man sich nur vorstellen kann.

„More than Honey“ läuft ab 8. November 2012 in ausgewählten Kinos. Eine Liste wird – irgendwann-  hier veröffentlicht: http://www.morethanhoney.senator.de/

One Response to “Bittersüße Bienen-Symphonie”

  1. Gerhard Fasolin 2. November 2012 at 09:51 #

    Also, ich hätte den Film nicht besser rezensieren können, danke!
    Allerdings stimmt die Schlussfolgerung im letzten Abschnitt so nicht. Die EFB ist keine „Inzuchtkrankheit“, sondern eine Bakterienkrankheit. In hiesigen Imkerkreisen wird behauptet, der Schweizerkasten sei dafür „verantwortlich“, andere behaupten, es liege an der Dunklen Biene. Ich bin da sehr vorsichtig. M.E. wird hier in der Schweiz bei der imkerlichen Aus- und Weiterbildung einfach das Erkennen von Bienenkranhkeiten stärker noch viel zu sehr vernachlässigt.

    Gerhard Fasolin
    imkerschule.ch